So liebe Kinder, heute wollen wir einmal die kleinen Unterschiede zwischen unserem schönen Schweizerland und Montréal, der Metropole im grossen, weiten, fernen Kanada näher betrachten.
Schwarzfahren: Was ist das? Im gesamten ÖV-Netz ist es dank Schranken unmöglich ohne gültiges Ticket einzusteigen (es sei denn man springt über die Schranke / kriecht unter ihr durch und schlägt das ÖV-Personal nieder).
Berge: Was ist das? Obwohl mit Schnee und Kälte gesegnet, ist die Region um Montréal nicht gerade ein Bergsteiger- und Skiparadies. Der etwas irreführend "Mont Royal" getaufte Hausberg in etwa schafft es gerade mal auf 201m. Das Skimekka "Mont Tremblant" bringt es immerhin auf vergleichsweise stolze 875m!
Bier: Eine "Stange" bestellen? Wie langweilig. Ein "grosses Bier"? Fehlanzeige. Hier wird aus Prinzip nur aus Pitchern getrunken! Und wenn sich mal niemand zum teilen findet, dann muss halt ein Pint herhalten. Wobei beides natürlich korrekt auf Französisch bestellt wird, nämlich "un pichet" bzw. "une pinte".
Fernsehsender: In einem Wort: Chaos. Man stelle sich folgendes vor: Nunzio, wohnhaft in Zürich, hat eine andere Senderzusammensetzung als Immanuel, ebenfalls wohnhaft in Zürich. Dies nicht etwa nur weil Nunzio cablecom digital TV abonniert hat und Immanuel nicht - nein, es könnte auch sein, dass Nunzio bei bluewin TV ist. Und dort entweder analog oder digital. Aber selbst wenn Nunzio genau wie Immanuel nur cablecom analog hätte, der Umstand, dass Nunzio nicht im gleichen Teil der Stadt Zürich wohnt, wie Immanuel, reicht schon aus, um eine zumindest geringfügige Divergenz im Senderangebot herbeizuführen.
Aber es kommt noch besser! Es ist Dienstag und Nunzio will sich heute Abend die neuen Folgen von "Alarm für Cobra 11" (produziert vom deutschen Sender RTL), "Lindenstrasse" (produziert vom deutschen Sender ARD) und "Verliebt in Berlin" (produziert von Sat1) ansehen. Nun gibt es mehrere Möglichkeiten. Er schaut sich ViB um 20h und Lindenstr. um 22h auf SF2 an. Oder er schaut sich ViB um 20h auf dem lokalen Sat1-Partnersender an, der interessanterweise Lindenstr. ebenfalls ausstrahlt, aber bereits um 21h. AfC11 folgt um 22h auf dem lokalen RTL-Partnersender, oder nächsten Donnerstag um 20h auf SF2. So in etwa läuft das hier, I kid you not.
Fernsehwerbung: Die liebe Reklame ist hier genauso häufig und genauso nervig wie auf den deutschen Privatsendern. Besonders originell sind die Spots allerdings nicht. Egal um welches Produkt es geht, der Slogan lautet immer "X will change the way you look at Y" (also z.B. "Lipton will change the way you look at tea"). That's it. Daraus besteht das Produktwerbungs - Repertoire. Und kennt ihr die Untertitel für Schwerhörige, die man mittels Teletext einblenden kann? Die werden hier gesponsert! "Closed captioning is brought to you by X". Wenn man das hört, weiss man i.d.R., dass die Sendung weitergeht. Trailer für die nachfolgende Sendung oder weitere Sendungen des Senders hingegen? Sagen rein gar nichts aus und sind meist mitten im Werbeblock plaziert.
Anti-Kiffer-Werbung: Eher kontraproduktiv, schätz ich mal. Erstens mal, die Werbung besteht aus Strichmännchen auf gelben Hintergrund. Ich habe bisher zwei Varianten gesehen, mein Favorit: Pärchen sitzt auf der Parkbank. Er zündet sich einen Joint an. Sie: "Oh nein! Nicht schon wieder!". Er: lacht. Hintergrund: Ein UFO landet. Alien steigt aus und gesellt sich zu den beiden. Er: bietet Alien Joint an. Alien: lehnt dankend ab. Sie: ist hin und weg, dass Alien nicht kifft, verlässt Freund für Alien, steigt mit diesem ins UFO und sie schweben hinfort, währenddessen sie auf dem UFO eine Flagge hissen. Zweite Variante: Mann sitzt auf Fenstersims (wie auch immer das in korrektem Hochdeutsch genannt wird) und raucht einen Joint. Ein Hund kommt vorbei und bleibt stehn. Mann: "Hey, komm kiff mit mir mit, damit ich mich besser fühle!" Hund: lehnt dankend ab. Mann: "Mann, ich brauch Deine Hilfe!". Hund: läuft wortlos davon und hisst eine Flagge. Und jetzt kurze Umfrage: Wer von euch glaubt, die Verantwortlichen hinter diesen Spots waren sowas von dicht, dass sie dachten ihre Freundin sei ein frisch aus dem Ei geschlüpftes Drachenbaby und der beste Freund ein weises Nilpferd? Eben.
Gewerkschaften: 40% der Arbeitnehmer in Québec sind in Gewerkschaften organisiert, AN der öffentlichen Hand sogar zu 100%. Sind die Gewerkschaften nach Industrie organisiert? Nach Berufsgattung? Nach Firma? Nein, nein und nein, sondern nach Interessengruppen innerhalb einer Firma. Das ist ungefähr so, als hätten alle Wägeli-Schieber bei der Migros eine eigene Gewerkschaft. Die bei Coop natürlich auch. Die beiden Gewerkschaften würden sich dann evtl. zu einer Dachorganisation der Wägeli-Schieber zusammenschliessen. Die verschiedenen Dachorganisationen wiederum schliessen sich einer Gewerkschafts-Administration an, die aber nichts mit den einzelnen Industrien zu tun hat. Oder so. Furchtbar kompliziert auf jeden Fall.
Pendlerzeitungen: Es sind deren zwei, nämlich 24heures und Métro, wobei Métro dominiert (im Gegensatz zu "Metropol" aus dem gleichen Haus, welches auf dem Schweizer Markt sang- und klanglos unterging). Und das tollste? Métro hat nicht nur Verteilerboxen, wo man sich die Zeitung holen kann - nein, die Métro-Recycling-Boxen (mit Logo!) sind ebenso zahlreich! Da könnte sich doch unser liebes 20Minuten eine Scheibe von abschneiden, oder?
Käse in Tüten: Alle Käsesorten gibt's geraffelt (fein oder grob, je nach Präferenz) in sehr praktischen wiedeverschliessbaren Beuteln zu kaufen. Und zwar wiederverschliessbar nicht mit diesen komischen Klebern die nach dem ersten Gebrauch sowieso voll Käse sind und nicht mehr richtig halten, sondern so wiederverschliessbar wie Küchen- oder Tiefkühlbeutel! Warum können wir den Amis (ok, Kanadiern) nicht mal was sinnvolles nachmachen, statt Halloween zum Beispiel?
Waschmaschinen: Wisst ihr noch, wie niedergeschlagen ich war, dass ich hier meine Wäsche selber waschen muss (ja, ich gebe zu, dass ich sie zu Hause noch zu Mama gebracht habe - verklagt mich doch!)?. Kein Grund zur Panik! Hiesige Waschmaschinen haben nämlich gerade mal drei Knöpfe: kalt, warm und heiss. Schublade für Waschmittel oder so? Wozu, wenn man's einfach in die Trommel schütten kann! Willkommen im Jahre 1960 oder so...Oh, und wozu Waschmittel, das wirklich gut reinigt, wenn man eins hat, das gut riecht? Und bevor ihr fragt, ja, ich hab mich erkundigt welches das beste ist und hab das gekauft. Immerhin ist es besser als dasjenige, das ich am Anfang von meiner Mitbewohnerin ausgeliehen hab - das roch nach nichts und die Kleider waren genauso dreckig wie vorher...
Wireless: HEC, eine der renommiertesten Wirtschaftsunis in Nordamerika (behaupten sie zumindest) mit wunderschönem Hauptgebäude und von Firmen gesponsorten Vorlesungsräumen (z.B. Salon Ernst&Young), hat gerade mal in zwei Räumen ein Wireless-Netz. Dafür ist praktisch jeder Schreibtisch in jedem Raum mit einer LAN-Steckdose ausgestattet. Wie effizient! Angeblich geht's drum, dass die Dozenten während der Vorlesung / Prüfung so kontrollieren können, ob die Leute Internetzugriff haben. Hätte man das Problem nicht irgendwie sinnvoller lösen können (z.B. keine Laptops an der Prüfung)? Und Zugriff aufs Wireless-Netz in den zwei Räumen gibt's übrigens nur nach herunterladen eines VPN-Clients (alle anderen VPN-Clients müssen zuerst vom Rechner gelöscht werden). Einfache Authentifizierung mittels Matrikelnr. und Passwort, wie für den sonstigen Netz-Zugriff, reicht für Wireless offenbar nicht. Nicht fragen Anna, nicht fragen.